Epipactis fibri SCAPPATICCI & ROBATSCH (1995)

Biber-Ständelwurz
Bas.:
Epipactis fibri SCAPPATICCI & ROBATSCH 1995
Syn.:
Epipactis albensis var. fibri (SCAPPATICCI & ROBATSCH)
DELFORGE 1997

Anmerkung: Der Name "Biber-Ständelwurz" leitet sich vom Lebensraum dieser unauffälligen Art ab.
In der Tat konnten wir bei Lyon im Biotop der Epipactis fibri zu unserer großen Freude auch Biber beobachten.

Verbreitung:
Endemit Frankreichs mit ausschließlichem Vorkommen (nach derzeitigem Wissenstand) im Rhône-Tal südlich Lyon in den Departements Ardèche, Drôme, Isère, Loire und Rhône.

Höhe
nverbreitung:
zwischen 90 und 160 m
Standort:
Pappelforste und Eschen-Ulmen-Bestände im Auengebiet der Rhône über frischem, mäßig saurem Untergrund.
Auf den ersten Blick scheinen die Biotopsansprüche der morphologisch ähnlichen Arten Epipactis fibri und albensis beinah gleich zu sein. Jedoch hatten wir den Eindruck, dass Epipactis fibri eine, in Bezug auf ihre Seltenheit und sehr beschränkte Verbreitung bemerkenswerte Variabilität
der Standort-anforderungen aufwies.
Scheint sie einmal ein Areal besiedelt zu haben, ist sie in der Lage, sehr schattige Stellen in relativ dichtem aber unterwuchsarmen (!) Pappelforst ebenso zu vertragen, wie auch teilweise vollbesonnte, wiesige Bereiche. Sie ist unseres Erachtens keine ausgesprochene Schattenpflanze! Außerdem scheint das Lichtangebot auch keine primäre Auwirkung auf die Vitalität der einzelnen Pflanzen zu haben, da wir keine Unterschiede diesbezüglich feststellen konnten.
Was sie allerdings meidet, ist zu dichter Unterwuchs. Selbst der Mittagssonne (!) ausgesetzte Straßengräben und deren Ränder sind kein Problem, vorausgesetzt die begleitende Vegetation hält sich in Grenzen. Die unmittelbare Nähe zu Pappeln scheint sie zu suchen.
In ihren Biotopen findet sich als weitere Ständelwurzart noch Epipactis helleborine.
Blütezeit: ist extrem lang und standortabhängig.
Die ersten Pflanzen an den lichtbegünstigteren Stellen beginnen bereits Mitte Juli ihre Blüten zu öffnen. An den schattigen Plätzen beginnt der Großteil jedoch erst in der zweiten Augusthälfte zu blühen. Es wurden von H. PRESSER Anfang November neben blühenden, fruchtenden und aussamenden Exemplaren sogar noch austreibende (!) gefunden.
Ein derart ausgedehntes "Blühzeitfenster" wurde von noch keiner anderen europäischen Orchideen-Art nachgewiesen.

Merkmale:
Habitus:
relativ schlanke, etwas stelzig wirkende Pflanze mit einer Wuchshöhe zwischen 15 und 25 (40) cm, mit oftmals nur einem, selten aber auch 3 oder mehr Trieben aus dem Rhizom
Stängel relativ dünn, hellgrün, an der Basis unterhalb des Niederblattes weißlich bis ganz leicht violett angehaucht; im Blütenstandsbereich sehr kurz, weißlich behaart
Niederblatt 1-2, oval, grün, scheidig, zungenförmig, nach oben gerichtet
Laubblätter
3 - 5, relativ hoch über dem Boden ansetzend, schmal-oval, ausgebreitet, bogig überhängend mit leicht gewellten Rändern.
Allgemein sind die Blätter denen der E. albensis sehr ähnlich, jedoch sind sie aufgrund der höheren Temperaturen (?) derber und ledriger als bei E. albensis und im Schnitt deutlich kleiner.

Hochblätter 1, Form wie Laubblätter, in der Größe etwas kleiner als die Laubblätter
Brakteen: das untere ähnlich wie bei E. albensis groß und Laubblatt-ähnlich, aber kleiner als bei E. albensis, das zweite bereits wesentlich kleiner und nach oben hin immer kleiner werdend.
Blütenstand locker, mehr oder weniger einseitswendig, in der Dichte und Anzahl der Blüten sehr variabel, was aber nicht vom Lichteinfluss abhängig zu sein scheint.
Durchschnittlich mit 12 Blüten besetzt, kräftige Exemplare können auch über 30 Blüten aufweisen
Fruchtknoten länglich-schlank,spärlich und extrem kurz behaart, komplett grün gefärbt
Blüten sehr klein, von außen grün, gerade vom Stängel abstehend bis leicht hängend (Stellung der Blüten vergleichbar mit E. albensis).
Sepala außen wie innen stets grün ohne jegliche Rottönung
, außen mit hervortretendem Mittelnerv, seitliche 8 mm lang und 4 mm breit, nur glockig öffnend
Petala lanzettlich, 6 mm lang und 4 mm breit, weißlich-grün, nur wenig heller als Sepala, ebenfalls stets ohne (!) Rottöne und schmäler als bei E. albensis
Hypochil
(Lippenhinterteil) napfförmig, in den allermeisten Fällen rein grün, ganz selten etwas rot-violett angehaucht, am Grunde glatt und meist ohne Nektar
Durchgang vom Hypochil zum Epichil
weit "V"- förmig
Epichil
(Lippenvorderteil) im Zentrum weißlich, an den aufgebogenen Rändern grün, dem albensis-Epichil sehr ähnlich. Unterschiede gibt es aber am Übergang von Hypochil zu Epichil. Während das Epichil bei albensis mit einer relativ lang ausgezogenen Falte aus dem Hypochil hervortritt, sitzt es bei E. fibri durch eine"gedrängtere" Falte der Vorderkante des Hypochils förmlich auf.
Säule
zur Fruchtknotenachse längs verlaufend bis leicht nach oben gerichtet, Anthere gestielt und etwas spitzer und kleiner als bei E. albensis, Klinandrium relativ kurz, Rostellum fingerförmig zwischen die Pollinien geschoben mit von vorn sichtbarem, rudimentären und funktionslosem Viscidium (!).
Der Narbenbereich ist im Gegensatz zu E. albensis eckiger, kissenförmig ausgebildet.
Pollinien gelblich, im Knospenstadium noch als kompakte Pakete im Klinandrium liegend, im Verlaufe der Anthese werden Sie über den oberen Narbenrand hinausgeschoben
, werden bröselig und "quellen" auf die Narbenfläche
Bestäubung obligat autogam

Hybriden: keine bekannt

01.08.2007 Tupin et Semons
01.08.2007 Tupin et Semons - die Pflanzen wirken aufgrund der hochangesetzten Laubblätter etwas stelzig -
05.08.2007 Tupin et Semons
01.08.2007 Tupin et Semons - Blütenstand -
03.08.2007 Condrieu
01.08.2007 Tupin et Semons - schattiger Biotop, hier ein unterwuchsarmer Esche-Ulmen-Pappel-Bestand -
07.08.2007 Tupin et Semons - lichtbegünstigterer, wiesiger Standort innerhalb der Pappelanpflanzung -
03.08.2007 Condrieu - das Viscidium ist deutlich sichtbar -
07.08.2007 Tupin et Semons - ein Größenvergleich -
01.08.2007 Tupin et Semons

Im Vergleich:
Epipactis albensis
Epipactis fibri
Habitus
06.08.2006 Südburgenland/ Österreich - Ep. albensis -01.08.2007 Tupin et Semons - Ep. fibri -
Hier zwei kräftigere Vertreter der zwei Arten. Rechts bei Epipactis fibri sind die Blätter deutlich kleiner und weiter oben am Stängel angesetzt, was unter Umständen auf die höheren Temperaturen des submediterranen Klimas zurückzuführen ist.
Unten im Vergleich zwei durchschnittlich kräftige Pflanzen.
Das erste Tragblatt ist bei E. albensis wesentlich größer ausgebildet.
06.08.2006 Südburgenland/ Österreich - Ep. albensis -03.08.2007 Condrieu- Ep. fibri -

Blüten

06.08.2006 Südburgenland/ Österreich - Epipactis albensis -01.08.2007 Tupin et Semons - Epipactis fibri -
E. albensis weist ab und an eine leicht rosa-Tönung in den Petala oder dem Lippenzentrum auf. Die Anthere ist im Verhältnis zur Blütengröße größer, stumpfer und blasser als bei E. fibri. Das Hypochil ist bei den allermeisten fibri innen komplett grün.
11.08.2007 Deutschland/ Sachsen - Epipactis albensis -01.08.2007 Tupin et Semons - Epipactis fibri -
Der Narbenbereich ist deutlich unterschiedlich ausgebildet. Allerdings unterliegt dieser bei beiden Arten aufgrund der Autogamie einer gewissen Variabilität. Vor allem bei der weiter verbreiteten Epipactis albensis ist gerade dieses Merkmal von Population zu Population aufgrund der Autogamie variabel.
Bemerkenswert ist aber das Vorhandensein eines - wenn auch kleinen - Viscidiums bei Ep. fibri.
11.08.2007 Deutschland/ Sachsen - Epipactis albensis - die Pflanzen bei Pirna weisen ein beinah mülleri-ähnliches Säulchen auf, da ihre Pollenpakete komplett auf den Narbenbereich platziert werden, was wahrscheinlich bereits im Knospenstadium vor sich geht.01.08.2007 Tupin et Semons - Epipactis fibri mit typisch ausgeprägterm Säulchen -